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Freude an den kleinen Dingen

  • Región Manú, Perú
  • May 10, 2017
  • 7 min read

Updated: Feb 16, 2021

Es war soweit. Nun sollten wir endlich in die langersehnten Regenwälder aufbrechen. Dafür gab es für uns zwei Optionen in Perú: In den Norden nach Iquitos in das Reserva Nacional Pacaya Samiria, quasi zum Kilometer Null des Amazonas oder in den Süden in den Parque Nacional del Manú am Río Madre de Dios (Río Amaru), einem Zufluss des Amazonas. Der Amazonas ist ein mächtiges Gewässer von für uns unvorstellbarer Grösse. Seine Breite von über zehn Kilometern bzw. sogar über 100 Kilometern an der Atlantikmündung ähnelt eher einem See oder Meer, als einem Fluss. Der Amazonas ist damit natürlich der wasserreichste Fluss der Welt: In seinem Flusssystem fliessen rund zwei Drittel des gesamten Wassers aller Flüsse auf dem Globus. Mit 6‘500 Kilometern ist er nach dem Nil auch der zweitlängste Fluss der Erde. Unvorstellbare Zahlen!


Die Entscheidung fiel schliesslich auf Manú. Wir hatten uns dazu entschlossen, weil wir nach Cuzco gereist waren, um Machu Picchu und Choquequirao zu besuchen und Cuzco ebenfalls der Ausgangspunkt für Manú-Expeditionen ist. Und schliesslich waren es auch die bekannten „Manú-Papageie“ die wir sehen wollten, die sich frühmorgens zu hunderten an den Tonwänden des Río Madre de Dios einfinden, um wertvolle Mineralien der Erde aufzunehmen. Zudem hofften wir, mit Glück sogar einen Jaguar oder eine riesige Anakonda zu sichten, man darf ja optimistisch sein. Wir buchten uns also bei einer Agentur einen Viertagestrip mit einem lokalen Guide, der uns in die Geheimnisse des grössten Nationalparks von Perú einweihen sollte. Nach den Ausflügen nach Choquequirao und Machu Picchu waren wir bereit für wärmere Temperaturen und vor allem, endlich viele Tiere zu beobachten.


Frühmorgens wurden wir in unserem Hostel von Wilbert, dem Fahrer und Fernando, unserem Guide, abgeholt. Beide waren uns sofort sympathisch. Während Wilbert schweigsam unseren Wagen chauffierte, teilte Fernando ab der ersten Sekunde sein schier unerschöpfliches Wissen über Flora und Fauna des Amazonas-Regenwaldes mit uns. Er erzählte uns von den nativen Stämmen (Tribus) des Manú Regenwaldes, die zum Teil bis heute keinen Kontakt zur Aussenwelt haben, ausser vielleicht zu einigen Anthropologen. Zu diesen zählen die Stämme der Matsigenga und anderer Gemeinschaften, die total noch rund 5‘000 Personen umfassen. Ein von der modernen Welt abgeschiedenes Leben ist im Parque Nacional del Manú gut möglich, breitet sich die erweiterte Parkfläche doch über fast 19‘000 Quadratkilometer aus und ist damit fast halb so gross wie die Schweiz.


Der Nationalpark wurde bereits 1973 errichtet und erhielt 1977 von der UNESCO den Status des „Biosphere Reserve“ und 1987 der „World Heritage Site“. Der Park war aber bereits vorher sehr gut geschützt, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass er schlecht zugänglich war. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert, tief hinein gelangt man nur mittels mehrtägiger Bootstouren. 80% des Nationalparks sind für Touristen jedoch nicht zugänglich und gelten als eigentlicher Nationalpark. In diesem Teil leben die indigenen Stämme und einzig Forschern ist der Zutritt unter strengen Auflagen erlaubt. Für Touristen zugänglich sind rund 3‘500 Quadratkilometer. Weil der Nationalpark praktisch von Meeresniveau auf bis 4‘200 Meter reicht, besitzt er eine der grössten Biodiversitäten der Welt. Ca. 10% aller Vogelarten leben hier.


Begeistert von diesen Fakten fuhren wir viele Stunden aus Cuzco raus, wo sich die Vegetation mit dem Überschreiten der Anden auf über 4‘000 Metern schliesslich schlagartig änderte. Eben noch fuhren wir durch andine Berglandschaften, geprägt von vielfältiger Landwirtschaft und nun tat sich vor uns das schier endlose Grün der Nebelwälder auf. Einige Male wanderten wir kürzere Wegabschnitte und sahen dabei zahlreiche Wollaffen (woolly monkeys) und andere Affenarten, Vögel und viele Pflanzenarten wie etwa bewegungsempfindliche Mimosen (Goncas Lieblinge ;-), Bromelien oder Helikonien. Wilbert fuhr uns sicher bis auf Atalaya auf ca 500 Metern Höhe, dem Heimatort von Fernando, wo wir kurz auf ein Boot umstiegen, um den gewaltigen Río Madre de Dios zu überqueren und so den Eingang zum erweiterten Nationalpark erreichten.


Nach einem kurzen Fussmarsch durch sumpfiges Gestrüpp erreichten wir unsere Lodge für die nächsten drei Nächte. Die Unterkunft war sehr einfach gehalten, die Wände bildeten halbhohe Bambusstangen und feine Netzwände. Zwischen diesen und dem Wellblechdach war die Behausung allerdings offen und wir waren froh, dass das Bett über ein dichtes Moskitonetz verfügte. Wir fanden es richtig gemütlich, nachdem wir die Kerzen im Zimmer angezündet hatten und „draussen“ die Grillen zirpen hörten. Sogar ein einfaches Bad mit Kaltwasser nannten wir unser Eigen. Wir schliefen sehr gut und waren froh, dass die Netzwände dichtgehalten hatten und keine grösseren Tiere in unser Zimmer geklettert waren.


In der Früh machten wir uns auf, die Primärwälder hinter unserer Lodge zu erkunden. Unsere Lodge befand sich nämlich in der Kulturzone und war daher mit feinen für uns exotischen Früchten bewachsen. Da lernten wir wieder neue Früchte wie etwa Azara oder Cocona kennen, von denen wir noch nie etwas gehört hatten. Insbesondere die Azara mit ihrem feinen Geruch fanden wir ganz lecker. Aufgrund ihres sehr sauren Geschmacks konsumieren sie die Peruaner aber hauptsächlich als Getränk. Fernando reagierte daher nur mit Kopfschütteln als wir eifrig zubissen. Anders als unser Garten waren die Wälder dahinter aber einfach nur wild.


Es wurde rasch dunkel im Wald, weil sie so dicht bewachsen war und alles um uns schien zu leben. Wir sahen sogleich riesige Würgebäume mit 100 Meter langen Wurzeln, riesige blaue Schmetterlinge und gefährliche Bullet-Ameisen, die bis zu 25 Millimeter lang werden. Wir haben uns von Fernandos Fakten später selber noch überzeugt und haben nachgelesen, dass der Stich der Bullet-Ameise tatsächlich sehr schmerzhaft ist. Der Stich wird als der schmerzhafteste Insektenstich überhaupt bezeichnet. Weil die Schmerzen nach etwa 24 Stunden nachlassen wird das Tierchen auch 24-Stunden-Ameise genannt. Wir waren jedenfalls froh, dass wir vom Stich verschont blieben. Besser bekamen uns die Termiten, von deren nussigem Geschmack wir uns gleich selbst überzeugten. Sie hinterliessen auch einen leicht betäubenden Eindruck auf der Zunge. Wir gingen weiter und da der Dschungelweg relativ neu war, wurde er zunehmend dichter und Fernando war bald nur noch damit beschäftigt, mit seiner Machete die Bambusstangen und Lianen aus dem Weg zu schlagen. Nach mehreren Irrwegen fanden wir schliesslich zur Lodge zurück. Die Erkundungstour machte richtig Spass, einzig dass wir noch keine grösseren Tiere gesichtet hatten, fanden wir schade.


Nach einem nahrhaften Mittagessen und einer ausgedehnten Siesta machten wir uns erneut auf in den Wald und legten uns geschützt hinter Palmenblättern auf die Pirsch, um eine Stelle im Wald zu beobachten, wo sich Tapir und anderes Getier regelmässig treffen. An diesem Ort sahen wir aber neben ein paar Vögeln nur noch etwas, nämlich tausende ärgerliche Moskitos, die uns das Leben schwermachten. Als schliesslich noch tropische Regenfälle einsetzten, kehrten wir nach eine Stunde vergeblichem Warten zurück zur Unterkunft. Später wollten wir dann im Dunkeln noch Kaimane und andere nachtaktive Kreaturen aufspüren. Mit Taschenlampe, Moskitonetz und Regenstiefeln wateten wir durch sumpfiges Land. Die Kaimane hatten für diesen Abend aber offensichtlich andere Pläne und tauchten nicht auf. Highlights des Abends war ein junges Tarantula-Paar, das uns aus seiner Höhle entgegenblickte und ein riesiger, tellergrosser Frosch, der sich nach unserem Auftauchen totstellte. Nach dieser eher mageren Ausbeute des ersten Tages waren wir etwas enttäuscht, aber zuversichtlich für den folgenden Tag. Man kann die Natur schliesslich zu nichts zwingen.


Um fünf Uhr am nächsten Morgen bestiegen wir das Boot und fuhren flussabwärts in Richtung der berühmten Tonwand, wo sich die Papageie versammelten. Über den tropischen Wäldern links und rechts von uns lagen noch dichte Nebel. Gespannt warteten wir auf einer Sandbank eine Stunde auf die Ankunft der Papageie. Diese blieben aber an diesem Tag aus und wir starrten auf eine leere Uferwand. Später haben wir dann herausgefunden, dass sich in dieser Jahreszeit, wohl Regen-bedingt, sowieso kaum Aras zeigen. Wir ärgerten uns ein wenig, da unser Guide das wohl gewusst hatte und einfach eine Show abzog. Waren wir etwa einer der Agenturen auf den Leim gegangen, vor denen wir im Lonely Planet gewarnt worden waren, wenn wir es nur im Vorhinein korrekt durchgelesen hätten? Jedenfalls war unsere Stimmung danach etwas gekippt. Die Bootsfahrt haben wir zumindest genossen.


Am Nachmittag schlenderten wir durch Sekundärregenwälder und sahen aus weiter Ferne immerhin drei weitere Affenarten, inklusive dem Kapuzineraffen. Wir erblickten auch zahlreiche Hoatzins, sogenannte punk chickens, die aufgrund ihres markanten Schopfes zu diesem netten Kosenamen kommen. Bei ihnen waren wir allerdings froh, dass wir genügend Abstand hatten. Angeblich verbreite dieser Vogel einen sehr unangenehmen Geruch, der durch die Verdauungsprozesse beim Wiederkauen zustande kämen. Mit einem derartigen Verdauungssystem, den man sonst von Kühen kennt, ist der Hoatzin unter den Vögeln einzigartig.


Der letzte Versuch, am Abend noch grössere Tiere zu sehen, fiel dann buchstäblich ins Wasser, da wieder tropische Regenfälle einsetzten. Wir waren insgesamt doch etwas enttäuscht, da der Manú-Nationalpark als einer der artenreichsten überhaupt gilt. Andererseits haben wir im Nachhinein auch festgestellt, dass im Manú-Nationalpark wohl in erster Linie Vogelliebhaber auf ihre Kosten kommen und es vorkommt, dass grössere Säugetiere weit seltener gesichtet werden im Dickicht. Vermutlich müsste man deutlich tiefer in den Dschungel reisen und dazu auch tiefer in die Tasche greifen, um sicher grössere Tiere zu sehen. Wir waren wohl einfach nur zu verwöhnt, denn bei allen unseren bisherigen Dschungeltouren in Asien und Mittelamerika hatten wir in weniger Tagen deutlich mehr grössere Tiere gesehen.


Auf dem Rückweg nach Cuzco legten wir noch einen Halt in einem kleinen Tierreservat ein, wo angeblich Tiere in Freiheit aufgezogen und später im Dschungel ausgesetzt werden. Der Anblick von Capybaras, verschiedenen Affenarten, dem kleinen knuddeligen Faultier und Wildschweinen stimmte uns wieder ein wenig positiver, auch wenn das Ganze klar einem Zoo glich. Hoch oben auf dem Baum sahen wir sogar die schönen bunten Papageie, die uns überhaupt zu diesem Trip bewogen hatten. Als wir dann noch einen Hund namens Caiman sahen, waren wir wieder vollends zufrieden :-). Beim weiteren Anstieg durch die Nebelwälder erhofften wir noch den Gallita de las rocas mit seinem auffällig hellroten Schopf zu sehen. Den Nationalvogel von Peru sahen wir zwar nicht, aber dafür mit dem Quetzal jenen von Guatemala.


Insgesamt waren wir am Schluss doch überzeugt, einen sehr guten Guide gehabt zu haben, der uns viel über die Flora und Fauna des Amazonas mitgegeben hatte. Aber auch sonst teilte Fernando sein immenses Wissen gerne mit uns auf der langen Rückfahrt, zu Themen wie der erheblichen Korruption im Land, oder die „Coca-Problematik“. Wir hatten schliesslich viele Coca Pflanzen in der Kulturzone des Regenwaldes gesehen, die die indigene Bevölkerung seit jeher anbaut. In den letzten Jahren wurde dies jedoch vor allem auf internationalem Druck zunehmend schwieriger. Erstaunlich war auch wie gut Fernando über den Verarbeitungsprozess von Coca zu Kokain Bescheid wusste. Genauso erzählte er uns so einiges über die halluzinogene Pflanze ayahuasca aus dem Amazonas, die im Zentrum von Schamanen geleiteten Zeremonien steht. Angeblich würden diese Zeremonien auch zunehmend populärer unter den jungen Touristen aus dem Westen. Fernando wusste eben alles :-).


Gegen Samstagabend erreichten wir ein äusserst lebhaftes Cuzco. Einerseits gingen alle aus und auf den Strassen gab es zahlreiche Stände, wo Torten, Blumen und andere Geschenke für den bevorstehenden Muttertag angeboten wurden. Die Kommerzialisierung kennt man also auch hier, wobei uns aber gesagt wurde, dass das Highlight des Muttertags für viele Peruaner ein schmackhaftes Cuy, ein Meerschweinchen, sei. Am nächsten Tag war es dann nach einem kurzen Besuch der alten Inkafestung Sacsahuaman dann auch Zeit, Perú zu verlassen und weiter in Richtung Ecuador zu reisen. Es war nur ein kurzer aber bleibender Einblick in das eindrückliche Land Perú.


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